Den sagenumwobenen König Midas hat es ja tatsächlich gegeben, vermutlich sogar zweimal, und zwar so um das achte Jahrhundert vor Christus. Egal, welche mythischen Anekdoten nun ausgewählt werden, in allen Fällen wird dem phrygischen König eine ziemliche Gier und Dummheit attestiert. Midas hatte ziemliche Selbstwahrnehmungsprobleme, denn er hielt sich selbst für ziemlich schlau und gerissen. So war der Herrscher höllisch neidisch auf die immense Weisheit von Silenos (der alte Lehrer von Dionysos). So lockte er Silenos in einen Wald zu einer Quelle, in die Midas zuvor Wein gegossen hatte. Mithin war es ein Leichtes, den Betrunkenen in Midas’ Palast zu schleppen. Dionysos, der seinen Mentor unbedingt wiederhaben wollte, erhielt ihn nur unter der Bedingung zurück, dass alles, was Midas anpackte, fürderhin gülden würde. Wir kennen alle den schlimmen Ausgang der glänzenden Idee. Midas wäre ums Haar elendiglich zugrunde gegangen, weil alles, was er sich zu Munde führte, Gold war. Ein wenig Midas steckt vielleicht in uns allen. Wer erinnert sich nicht an die unsägliche Gier, die viele Aktionäre zu Zeiten des Neuen Markts erfasste, und an deren Folgen des Niedergangs bis heute noch etliche leidvoll zehren. Wer hat sich nicht schon mal schlauer geglaubt als der Markt und eine Aktie gekauft, die sich aufgrund sagenhafter Versprechungen als goldhaltig gerierte und dann doch nur als Abgrund entpuppte. Na immerhin, nach dem gerade noch gut ausgegangenen Goldabenteuer nahm sich Midas erst mal vor, Bescheidenheit zu üben, was aber nicht lange gut ging. Bei einem Sangeswettstreit zwischen dem hässlichen Pan und dem schönen Phoebus zweifelte Midas den Schiedsrichterspruch an, worauf ihm Phoebus (der Sieger) zwei lange Eselsohren wachsen ließ. Midas versteckte, verständlich genug, seine langen Lauscher schamhaft unter einer Mütze, und nur sein Barbier wusste davon. Der allerdings hatte nichts Besseres zu tun, als am Flussufer ein Loch zu graben und dreimal zu rufen „König Midas hat Eselsohren!!!“ Flugs grub der schwatzhafte Barbier das Loch wieder zu, schlechtes Gewissen inklusive. Doch das Schilfrohr hatte gelauscht und gab das Gehörte an die Binsen weiter. Jeder Windhauch trug somit die Geschichte weiter und brachte nebenbei noch die „Binsenweisheit“ in unseren Sprachschatz. Die wohlgestalteten Aktientipps vieler Berater ob ihrer wundersamen Börsenkünste nebst bunten Hochglanzprospekten gehen oft genug einen Wettstreit mit der hässlichen Realität ein. Wir zweifeln wohl auch häufig den Sieger dieses Streits an, was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Wir glauben nur allzu gern den Verlockungen der Profis. Anleger, aufgepasst, Eselsohren können einem auch auf den Finanzmärkten wachsen. Es ist eine bloße Binsenweisheit. |
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Unter großem Interesse der Öffentlichkeit wurde Mitte Juli – viele sagen, endlich – ein Bankchef von der Justiz zur Rechenschaft gezogen. Nun kann der Genugtuung heischenden Stammtischklasse endlich ein Schuldiger in Sachen Finanzmarktkrise präsentiert werden.
Auch wenn Richterin Koppenhöfer nicht müde wurde, darauf hinzuweisen, in dem Verfahren sei es eben nicht um die Aufarbeitung nebst Ursachenforschung der Krise an sich und schon gar nicht um den Zusammenbruch der Industriebank IKB gegangen, aber Volkes Stimme wird das ergangene Urteil, unter einem Jahr auf Bewährung, innerlich wohl genauso gegenbuchen.
Dass Stefan Ortseifen letztlich nur wegen Marktmanipulation und aufgrund einer schöngeredeten Gewinnprognose verurteilt wurde, und eben nicht wegen Untreue sowie gravierenden Verstößen gegen das Aktiengesetz, verdankt der Mann ausschließlich dem deutschen Strafgesetz, das für eine Untreuehandlung zwingend „Vorsatz“ postuliert. Den aber nachzuweisen, ist in Bankerangelegenheiten offenbar so schwierig, wie eine eingeseifte Sau am Schwanz zu packen.
Für Anleger hat der Ausgang des Verfahrens aber durchaus seine positiven Seiten. Das Düsseldorfer Urteil verbessert möglicherweise Schadensersatzansprüche auch gegen andere Banken, vorausgesetzt, die Anleger haben ihre zivilrechtlichen Forderungen bereits geltend gemacht. Aber auch für die IKB selbst sieht es jetzt besser aus, ihren ehemaligen Vorstandsvorsitzenden in Regress zu nehmen.
Gleichwohl: Die Frage nach den Schuldigen der Finanzmarktkrise inklusive deren Verantwortung wurde in diesem Verfahren nicht ein Jota beantwortet. Gesühnt wurden die Milliardenschäden, die nach wie vor beim Steuerzahler aufgehängt sind, schon gar nicht. Wo saßen denn bitteschön alle die Aufsichtsräte, die ihre Kontrollfunktionen (Was ist eigentlich eine Zweckgesellschaft, wie gefährlich ist die?) sträflich nicht ausgeübt haben?
Ortseifen hat seine – freiwillig oder auch nicht – Rolle als Bauernopfer einigermaßen tapfer bewältigt. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Auf Bewährung.
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Ab und an treffe ich mich mit Vorständen zum strategischen Gedankenaustausch, aber nicht in irgendwelchen Tagungsbunkern, sondern an beschaulichen Orten wie im malerischen Engadin oder in einem pittoresken Fischerdörfchen auf Teneriffa. Die Idee solcher Meetings ist es, die gegenseitige Sicht der Dinge auszuloten, zu erfahren, wie der andere tickt, und am Ende steht dann manchmal fruchtbare Verwirrung – wenn auch auf höherem Niveau.
Eben entsteige ich dem Flieger ins heimische Köln und bin noch ganz voller Gedanken von den Gesprächen mit den Chefs einer Aktiengesellschaft, deren Name ich an der Stelle lieber nicht nenne. Vielmehr will ich Ihnen ein wenig von dem Treffen selbst erzählen, weil ich einen Kerngedanken daraus mit Ihnen teilen möchte.
Gestern Abend stellte der Boss der AG nach intensivem Brainstorming siegessicher fest, dass sein Laden in der strategischen Ausrichtung bestens positioniert sei, wenn immer die Zielgröße 20 Prozent EBIT geschafft würde. Wenn von 100 Euro Umsatz 20 Euro als EBIT (Earnings before Interest and Taxes, gemeint sind Zinsen und Steuern) übrig blieben, brauche man sich um das Unternehmen keine Sorgen zu machen. Ob ich das als Börsenexperte genau so sähe?
Mit dem Gefühl, dass mit einer sachlich wohltemperiert begründeten Widerrede der wilden Entschlossenheit der Gegenseite wohl keine Einhalt zu bieten war, erzählte ich von den vielen kleinen Töchtern und Söhnen dieser Welt, die sich nur deswegen ins Bett bringen lassen und gefahrlos allerlei Traumabenteuer bestehen, wenn sie ihren geliebten Stoffhasen dabeihaben. Der beruhigt, schützt, vermittelt Sicherheit: „Und Ihr Stoffhase, meine Herren, ist das EBIT, und genau das ist der falsche. Das, was Sie beruhigen, schützen und Sicherheit vermitteln soll, ist in Wirklichkeit nichts wert.“ Das EBIT sei im Übrigen eine relativ neue Kennzahl, fuhr ich fort, stamme aus den Anfangszeiten des Neuen Marktes und habe im Grunde nur die Aufgabe, explodierende Börsenkurse irgendwie zu erklären.
Wir alle wissen, wie die Sache mit dem Neuen Markt ausgegangen ist. Etwas „before“ zur selig machenden Größe zu machen, ist spinnert. Ein üppig verschuldetes Unternehmen kann mit 20 Euro EBIT eben nicht 30 Euro Zinsen zahlen und schon gar keine Steuern mehr. Der echte Stoffhase wäre in diesem Fall der Jahresüberschuss. Nur das, was unterm Strich übrig bleibt, beruhigt, schützt und vermittelt Sicherheit.
Übrigens: Für Sie als Anleger hoppeln auch genügend falsche Stoffhasen durch die Landschaft, die trügerische Sicherheit vermitteln. Sie heißen Chartanalyse, Glaube an Expertenprognosen, sicherer Börsentipp, wohlmeinende Anlageberater.
Meine Gesprächspartner versicherten mir bei bestem Rotwein und Tapas jedenfalls noch den ganzen Abend lang und immer wieder, sie hätten es jetzt begriffen. Dem Hasen sei Dank. |
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An Empfehlungen, welche Aktie sich zu kaufen lohnt, mangelt es nicht. Leider treffen die Kursprognosen der selbst ernannten Experten nur selten ein. Unser Kolumnist „Börsebius“ gibt Orientierungshilfen für die selbstständige Kaufentscheidung.
Fast jeder wäre gerne ein Börsenexperte. Auf dem glatten Parkett nicht ausrutschen, sich sonnen im Erfolg, durch Aktiengewinne ein Leben führen wie Gott in Frankreich, allseits bestaunt als Geldlöwe, wer will das nicht? Der Weg dahin ist allerdings schwieriger, als mancher so glaubt, und etliche vermeintliche Königswege entpuppen sich oft genug als Sackgasse. Es ist mittlerweile mehr als ein Vierteljahrhundert her, dass ich mich der Ochsentour zweiter Bildungsweg gestellt habe und mich schon während des wirtschaftswissenschaftlichen Studiums fragte, wirst du Wirtschaftsprüfer, oder sollte es doch lieber was mit Banken und Börsen sein? Beide Fächer hatte ich vorsichtshalber gleichzeitig belegt, aber ehrlich gesagt, nur Bilanzen rauf und runter zu prüfen, war mir ein Gräuel – mein Herz schlug schon damals mehr für die pulsierenden Finanzmärkte. Wer an der Börse erfolgreich sein will, muss ein gehöriges Rüstzeug mitbringen, das ist ja eine bloße Binsenweisheit, aber was dazu alles gehört, ist ein recht schwieriges Unterfangen. Klar ist, dass ein fundiertes Basiswissen als Startvoraussetzung unabdingbar ist. Eine vernünftige Analyse sollte am Ende klären können, welche Aktie sich zu kaufen lohnt und welche nicht. Der feixende Teufel steckt nicht nur im Detail, da sowieso, sondern vor allem in der richtigen Analysemethode. Wir hatten damals einen Hochschullehrer, für den die Chartanalyse sein Ein und Alles war. Chartisten sind die Leute, die sagen, dass alles, was derzeit über ein Unternehmen bekannt ist, bereits im Kurs steckt und dass sich aus bestimmten Kurvenläufen Aussagen über den künftigen Wert einer Aktie machen lassen. Da bilden sich dann Untertassen, Kopf-Schulter-Formationen oder Wimpel, oder die 200-Tage-Linie schneidet von unten irgendeine andere Kurve, und dann signalisiert der Chart einen dringenden Kauf oder so ähnlich. Aus meiner heutigen Sicht ist das alles Kokolores. Das Problem der Chartisten ist und bleibt, dass immer erst nach dem kompletten Ausbilden einer bestimmten Chartformation diese ihren charakteristischen Verlauf aufzeigt, aber irgendwo dazwischen, dann nämlich, wenn die Investitionsentscheidung fällig wäre, ist nicht klar, was am Ende dabei herauskommt. Mit Formeln lässt sich freilich der größte Blödsinn noch begründen, sie helfen aber letztlich nicht weiter. Am Ende des Chartisten-Abenteuers steht fast immer die mathematisch zugegebenermaßen nicht ganz saubere Erkenntnis: Das Loch in der Schuhsohle aufgrund nicht eingetretener Prognosen nimmt proportional mit dem eigenen Größenwahn zu. Oh, gesunder Menschenverstand, wärst Du doch eher zu mir gekommen oder wenigstens dem Professor zu Hilfe geeilt. Nun gut, ich hab damals schnell verstanden, dass die Fundamentalanalyse in der Branche einen deutlich besseren Ruf hat – sicher auch deswegen, weil diese Form der Spurensuche intellektuell anspruchsvoller ist. Die Fundamentalisten rücken dem „wahren“ Kurs einer Aktie mit harten Fakten wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Cashflow-Kennzahlen oder Buchwerten und vielem anderen mehr zu Leibe. Wer Bilanzen lesen kann, ist offenbar an der Börse auf der sonnigen Seite, theoretisch zumindest. Das Problem ist nur, die Fundis arbeiten samt und sonders mit Vergangenheitszahlen. Eine Bilanz ist, wenn sie veröffentlicht wird, mindestens vier bis sechs Monate alt, und in unserer schnelllebigen Zeit kann sich jeder ausmalen, dass die Bildung von Kennzahlen mit veralteten Daten bei Kaufentscheidungen oft auch in die Irre führen kann. Nun gut, ein Mann des zweiten Bildungsweges gibt so schnell nicht auf, gilt es doch, den Börsenstein der Weisheit zu finden. Ich habe damals angefangen, die Wirtschaftspresse und Börsenmagazine, darunter Capital, Wirtschaftswoche, Handelsblatt, Börsenzeitung, und den Wirtschaftsteil der FAZ sowieso, von vorn bis hinten durchzuackern und auf relevante Informationen abzuklopfen. Einige Zeit später kam ich auf die – wie ich fand – glorreiche Idee, alle Aktienempfehlungen dieser Zeitschriften systematisch zu sammeln und auszuwerten. Dahinter steckte die Vermutung, dass sich mit dieser Vorgehensweise eine, wie die Experten sagen, „Überrendite“ am Aktienmarkt erzielen lässt. Welch toller Einfall, wieso war bis dato nur keiner darauf gekommen? Nach zwei Jahren angestrengten Sammelns lag das Ergebnis vor. Es war einfach niederschmetternd. Mehr als drei Viertel der in der Börsenpresse genannten Top-Empfehlungen entpuppten sich als Flops. Die Resultate der Untersuchung veröffentlichte damals die renommierte Zeitschrift „Der Bankkaufmann“, was mir zwar an der Börse nicht wirklich weiterhalf, aber immerhin zu einem Telefonanruf des damaligen Ressortleiters Wirtschaft der „Zeit“ führte, das sei ja alles wirklich sehr spannend und ob ich nicht Interesse hätte, bei der Hamburger Redaktion mitzumischen. So kam es dann, dass es in der „Zeit“ erstmals in der Bankenszene eine Befragung ähnlicher Art gab, nur mit dem Unterschied, dass jetzt die Wertpapierprofis der Geldinstitute in die Pflicht genommen wurden. In der damaligen „Zeitbörse“ traten immer drei renommierte Fachleute gegeneinander an und wurden dann nach einem Jahr jeweils gegen drei neue ausgetauscht. Na ja, das Ganze ist mittlerweile mehr als 20 Jahre her, und der Mantel der Gnade hat sich auch hier über einige Enttäuschungen gelegt. Fürs Leben gelernt habe ich allerdings schon eins, dass nämlich auch gestandene Wertpapierprofis nur mit Wasser kochen. Diese Erfahrung hat sich über die Jahre hinweg im Übrigen immer wieder bestätigt. Wie oft Analysten mit ihren Empfehlungen schiefliegen, ist mittlerweile selbst ein Thema für die Wissenschaft. Wer jetzt allerdings ein Patentrezept für die optimale Strategie an der Börse erwartet, mag füglich enttäuscht werden. Den sicheren Tipp hat keiner, und wer ihn zu kennen vorgibt, ist bestenfalls ein Schwätzer, wenn nicht gar ein Scharlatan. Nach all meinen Erfahrungen ist Bescheidenheit der beste Taktgeber an der Börse, und wer nicht alle Eier in ein Nest legt, handelt vorderhand klug. Eine verblüffende Erkenntnis habe ich in all den Jahren aber doch gewonnen. Wer immer das Gegenteil von dem tut, was die Mehrheitsmeinung empfiehlt, kann tatsächlich die berühmte Überrendite erwirtschaften. Dazu gehört, bei guten Nachrichten eine Aktie zu verkaufen und bei schlechten zu kaufen. Aber wer traut sich das schon? Reinhold Rombach |
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